Ausstellung im Anscharpark


Ich habe alles gesehen, es war nichts mehr da!

7 fotografische Positionen zum Anscharpark: Kaja Grope, Heidi Krautwald, Gregor Kuhlenbäumer, Roland Lüthi, Volker März, Bernd Perlbach und Birgitta Seyfried


1. April – 1. Mai 2022
Kunstverein Haus 8
Atelierhaus im Anscharpark
Heiligendammer Str. 15
24106 Kiel-Wik
Öffnungszeiten:
Fr–Sa 15–18 Uhr, So 12–18 Uhr
Eintritt frei
weitere Informationen »


Eröffnung:
Freitag, 1. April 2022 um 18 Uhr

Es sprechen:
Torsten Albig, Ministerpräsident SH a.D.
Dr. Johannes Rosenplänter, Leiter Stadtarchiv Kiel

Es gelten die aktuellen Corona-Vorschriften


Finissage mit Künstler*innen Gespräch:
Sonntag, 1. Mai 2022 ab 15 Uhr

Besucher*innen erhalten weitere Einblicke in die Fotoarchive

Es gelten die aktuellen Corona-Vorschriften


Im Rahmen des Jubiläumsprogramms zum 10-jährigen Bestehen des Atelierhauses im Anscharpark und des Kunstvereins Haus 8 zeigt der Verein eine Auswahl künstlerischer Dokumentarfotografien (2006–2021) vom Gelände des ehemaligen Marinelazaretts vor und während des Abrisses: Eine dokumentarische und künstlerische Erinnerung an die Pavillionanlage, die den Wohnungsneubauten im Anscharpark gewichen ist.

© Fotografie: Bernd Perlbach · © Gestaltung: Michael Herold

Der Ort

Meine Bilder zeigen das Ensemble der Pavillonhäuser des früheren Marinelazaretts, errichtet 1907 im neohistorischen Baustil: Haus 3, 4, 5 und 7, eingebettet in ein parkähnliches Gelände. Einem Hygienekonzept aus der Mitte des 19. Jahrhunderts folgend beherbergte jedes der Häuser eine isolierte Krankenstation. Im Einzelnen dokumentieren die Panoramaansichten der drei Pavillonhäuser den baulichen Zustand der 110 Jahre alten Gebäude vor Ihrem Abriss im März 2015.

Haus 6:
Historisch-intakter Baukörper, Backsteinfassade mit akzentuierenden Putzflächen, zwei langgestreckte Gebäudeflügel, verbunden durch ein Mittelhaus mit Eingang und bekrönendem Schweifgiebel. In den 1950er Jahren räumliche Erweiterung durch Dachausbau mit langer Gaubenfront.

Haus 5:
Wie Haus 6, linker und rechter Gebäudeflügel historisch intakt, jedoch im Zweiten Weltkrieg auf der Südseite zerbombtes Mittelhaus, nach dem Krieg funktional wiederhergestellt unter Verzicht auf die Formensprache der Kaiserzeit (Backsteindekor und Putzflächen).

Haus 4:
Wie Haus 6, rechter Flügel und Mittelhaus historisch intakt, linker Flügel nach Kriegszerstörung funktional wiederaufgebaut unter Verzicht auf die Formensprache der Kaiserzeit (Backsteindekor und Putzflächen).


Lost place

Der zu Beginn der 1990er Jahre aufgegebene Klinikbetrieb und mangelnde Nachnutzungen führten zum allmählichen Verfall: Der Gebäudekomplex verkam zu einem „Unort“, zu einem „lost place“, der nun von Urbexern (Stadterkundern) und Graffiti-Sprayern als „terra incognita“ in Besitz genommen wurde. In Abgeschiedenheit konnte hier „Erkundungen“ nachgegangen werden oder im Sprayrausch ein ekstatisches Gemeinschaftsgefühl ausgelebt werden.

In architektonisch-dokumentarischer Haltung erfassen meine Bilder verfallende Innenräume, durch Graffiti und Tags, malerisch verfremdet. Indem ich erweiternde pittoreske Bildkonzepte einbeziehe, werden die Darstellungen „nahbar“ und persönlich. Zugleich entsteht so ein „Kippbild“ mit „objektiver“ und „subjektiver“ Lesemöglichkeit. Die Bilder zeigen sowohl sachliche Realität als auch eine autonome Bildwirklichkeit, die zur Projektionsfläche von persönlichen Empfindungen wird.

Indem die Kamera sich dem Sujet annähert, wird der reale Raumeindruck aufgehoben: Bislang figurativ aufgefasste Gegenständlichkeit löst sich auf als expressiv-abstraktes Muster und beginnt ein Eigenleben. Die Fotografie schneidet das „alfresco“-Graffiti aus seinem räumlichen Kontext – das Wandbild wird zur gerahmten Darbietung.


Abriss

Die Abrissbilder thematisieren die Niederlegung von Gebäude 6 als zerstörerischen Akt: Der Gebäudekörper wird durch die Gewalt der Abrissmaschinerie ruiniert, fragmentiert und „entropisch“ zerstückelt. Der Zerfall des Gebäudes wird im „l’instant décisif“, dem „entscheidenden Moment“ als infernale Zerstörung erfasst, die den Betrachter betroffen macht. Eindrücke von Hiroshima scheinen auf, nun ganz aktuell von Geschehnissen in der Ukraine überlagert. Auch jene Bilder, die einerseits durch einen sachlich-dokumentierenden Blick das Abrissgeschehen einer genießenden Auffassung entziehen, bringen andererseits durch eine verdichtend-inszenierende Standpunktnahme und eine strenge Bildordnung subjektive Anteilnahme zum Ausdruck, sie bewegen.